Interview: Leander Angerer

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Jack O’Neill war Surfer und Erfinder, der in Nordkalifornien surfen wollte, auch wenn es die Umstände nicht zuließen. Also erfand er 1952 den Neoprenanzug. Der Rest ist eine sehr funktionelle und erfolgreiche Geschichte und Firmenfundament. Das Huck Magazin und O`Neill präsentieren vom 17. – 19.10 The Working Artisans Club 2014 in der Galerie art:ig, München. Warum? Weil Tradition, Wissen und Vision willkommene Komponenten für innovatives Handmade-Design sind. Einer der Club-Protagonisten ist Leander Angerer, der vor Ort sein und einen Workshop geben wird. Ganz Eilige, die sich sofort für die Ausstellungseröffnung und die Workshops anmelden wollen – nur zu! Wir sind ja nicht bei der Arbeit. Und falls ja, schön emsig tippen tun, damit der Chef keinen Verdacht schöpft … So, Kinners, können wir nu? Wunderbar, dann folgt mir unauffällig zur Frage, die zum Bild und zum wunderbaren Video-Portrait passt.

Leander, im Video bist du in einer wunderbaren Werkstatt am hantieren und kreieren. Ist das deine? Und weshalb das alte Werkzeug? Romantischer Anachronismus?

Leander: Ja, das ist meine Werkstatt. Zurück aus London hat es eine Weile gedauert, bis ich wusste, wie und wo ich weiterleben und arbeiten will. Mit viel Glück habe ich dann das Haus samt Werkstatt in Oberammergau gefunden. Das alte Werkzeug ist kein romantischer Anachronismus, sondern genau das, was ich brauche. Beispielsweise die alte Nähmaschine, an der man das Material um 360 Grad drehen kann, das geht bei den meisten heutigen Nähmaschinen gar nicht mehr. Außerdem geht sie fast von allein, ohne Strom, aber mit Hand- oder Fußbetrieb. Auch wenn es den Anschein hat, ist die Werkstatt kein Museum, sondern ein Ort, an dem Bewährtes und Neues zusammenkommt und sich ergänzt. So auch bei den Materialien. Für die Kraxn, also den Rucksack, den ich im Video herstelle, habe ich Holz, Leder aber auch high-tech Segelmaterial verwendet. Bei der Kraxn gibt es ja die poetische Unterebene, sein ganzes Hab und Gut auf der Kraxn tragen zu können. Schaut man unseren Überschuss an Habseligkeiten an, wäre es schon wirklich „leichtes Gepäck“ wenn man es schafft, sich auf das zu reduzieren, was auf der Kraxn Platz hat und sich dann damit abseits der normalen Pfade bewegt.

Die Natur ist dir die wichtigste Quelle der Inspiration und Motivation, weil … sie einem zeigt, dass Ästhetik durch Flow ensteht?

Leander: Ja, das ist sicher auch ein Aspekt. Vielleicht ist es aber auch eine parallele Erfahrung zur kreativen Arbeit. Ob man vertieft, als im FLOW an einem Projekt arbeitet oder auf einen Berg steigt – das kann geistig eine ähnliche Erfahrung sein.

Im Film sagst du, dass man geduldig sein muss und Fehler ein Teil des Prozesses sind. Wichtig ist allein, dass man seine Lehre draus zieht und weitermacht. Hast du dir dieses Durchhaltevermögen auf der St. Martin’s in London angeeignet oder war der Wille schon davor so ausgeprägt?

Leander: Ich denke dieser Ansatz/Gedanke hat sich über die letzten Jahre einfach aus meinem Arbeiten ergeben. Je genauer ich herausgefunden habe, was mich an der Arbeit als Designer interessiert und welche Position ich dazu einnehmen kann und will. Ich habe gelernt, dass es für meine Arbeiten wichtig ist, Zeit zu investieren, Modelle zu bauen welche dann oft nur dazu dienen um festzustellen dass es das noch nicht ist & weiterentwickelt werden muss. Es ist also der Versuch, eine Frage zu stellen und diese zu beantworten – oft eben anhand eines Prototypen oder Modells, um dann zu evaluieren und meistens mit einer neuen Frage zu beantworten.

Apropos Erfahrung. Diesen Samstag (den 18.10.) wirst du im Rahmen des TWAC eine Brieftasche anfertigen. Kann man da auch mitmachen?

Leander: Ja, auf jeden Fall. Man kann mitmachen und die selbst hergestellte Brieftasche mitnehmen. „Ich könnte nie …“ ist totaler Quatsch. Man muss einfach anfangen. Und ich werde da sein, um Hilfestellung zu geben.

Wie kam es zur Kooperation mit O’Neill, welche Vorteile haben Kooperationen mit Marken und was könnte man optimieren?

Leander: Zur Zusammenarbeit mit O’Neill kam es über C100 (Christian Hundertmark), der mich für den TWAC vorgeschlagen hat das. Eine Zusammenarbeit ist eigentlich immer etwas Spannendes. Man ist nicht mehr nur für sich selbst zuständig ist, sondern Teil eines Prozesses. Ich bin der Meinung, dass gute Gestaltung nur aus einer guten Diskussion entsteht. Es braucht Fragen, Kommentare und Gedanken anderer, um maximales Potential in einen Gestaltungsprozess zu bringen. Das macht Spass!

Wunderbar und zurück zu dir, beziehungsweise deiner Website racing-atelier.com. Klickt man dortauf „about“, steht da kurz und knapp „Racing Atelier is a multi-disciplinary creative practice“. Hört sich sympathisch, nach Spielwiese und irgendwie nach dem großartigen Ron Arad an. Welcher Schlag Mensch inspiriert und motiviert dich?

Leander: Mein Bruder Leonhard und ich haben irgendwann den Namen für unsere Werkstatt gewählt. Ja, man kann sie als „Spielwiese“ sehen. Dort kann ohne kommerziellen Anspruch oder Druck einfach entstehen, worauf wir gerade Lust haben. Was mich inspiriert? Inspiriert bin ich mehr von Herangehensweisen anderer, das müssen aber keine bekannten Designer sein. Jasper Morrison und Naoto Fukasawa haben das lesenswerte Buch Super Normal – Sensations of the Ordinary“ herausgebracht, wo es um Design im Alltag geht. Angefangen bei der Gabel bis hin zur klassischen Espressokanne von Bialetti, wo nicht klar ist, wer sie überhaupt designt hat.

Leander Angerer

Hast du DAS große Ziel vor Augen oder gehst du Schritt für Schritt ins Abenteuer Leben?

Leander: Dass ich ein großes Ziel habe, kann ich nicht behaupten, trotzdem weiß ich immer ziemlich genau, was ich NICHT will –und das ist vielleicht der Weg zum Ziel.

Gute Zeit ist der Titel unseres Heftchens, das persönliche Geschichten fideler Zeitgenossen erzählt. Was wäre deine Definition einer guden Zeit?

Leander: Da gibt es unendlich viele Beispiele, aber vielleicht charakterisiert sich eine gute Zeit für mich durch einen ausgewogenen Einklang. Ein Zahnrad passt zum nächsten und das treibt an & fühlt sich gut an. Am Ende des Tages kann man nur zufrieden ins Bett gehen – mit einem Grinsen.

:Danke, schön gesagt. Dann bis dann und spätestens zur Event-Eröffnung diesen Freitag in der Galerie art:ig, Corneliusstraße 19, München.

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Biografische Angaben? Hmm, so rumposen mit den ganzen Artikeln für Hustler, Lodown, blond, dos dedos, streetwear today, limited, brett, playboard, spiegel online und Monster Mag? Oh, neee. Ich geh jetzt lieber an die frische Luft. Mal gucken, ob die andern heute Bock auf Minigolfen haben. Für die Plan B Variante pack ich lieber mal die Spaghetti-Murmeln ein, wa? Yep, yeah! Aaalso, Gruß und gude Zeit, Lorenzo Taurino

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